2026
ANIMALIUS
Thermodrucker, kilometerweise Thermopapier, performativer Papierwechsel:
Maße und Zeiten variabel
WESTEN (W) +--------> [ WEITER ] + -------------------------||-----------||------- + | | | | [WEISSER TRESEN] | [HOCKER] Arbeitsplatz der | zum Papierwechsel Künstlerin bis 26. Juni 2026 + | | | | S | [WACHSENDER PAPIERBERG] | N Ü | gedruckt, genäht | O D | | R Е | [WANDBOARD / REGALE] | D Н | Sammlung leerer Kunststoffkartuschen | E | nach Papierwechsel | N (S)| [ROTES WANDREGAL + THERMODRUCKER] | (N) | generiert Druck-Dauerschleife | | | | + --------||------------||-- + | | [FLACHABLAGESCHRANK EINES VERSTORBENEN | | KOMPONISTEN] Depot für 100 Thermopapierrollen | | OSTEN (O) +------> [EINGANG] + ------------------------------------------------- +
Ein System in Betrieb
Im Ausstellungsraum befindet sich ein Thermodrucker, der in einer Höhe von etwa zwei Metern installiert ist. Das Gerät operiert in unregelmäßigen Intervallen: Phasen der Aktivität wechseln mit Phasen der Stille, gelegentlich entstehen längere Unterbrechungen. Wenn gedruckt wird, erscheint wiederholt ein einzelner Satz: „environmentally friendly“. Das Papier verlässt den Drucker als fortlaufende Spur und fällt in den Raum. Was zunächst als einzelne Bahn erscheint, entwickelt sich zu einer Masse.
Die Arbeit nutzt dabei bestehende Elemente des Ausstellungsraums. Ein Flachablageschrank aus dem Nachlass eines Komponisten dient als Depot für einhundert Thermopapierrollen. Ein fest installierter Tresen wird während der Druckphase zum Arbeitsplatz der Künstlerin. Hinter dem Tresen sammeln sich in Wandregalen die leeren Kunststoffkartuschen der verbrauchten Rollen. Mit jedem Papierwechsel wächst nicht nur die Papiermenge am Boden, sondern auch das Archiv der zurückbleibenden Hüllen.
Die Arbeit entfaltet sich in den ersten zwei Ausstellungswochen als fortlaufender Prozess. Während dieser Zeit wird der Druck durch tägliche Eingriffe aufrechterhalten. Neue Papierrollen werden eingesetzt, verbrauchte Kartuschen archiviert und jede neue Rolle wird unmittelbar nach dem Wechsel mit der vorherigen vernäht. Durch rote Fäden entstehen Verbindungen zwischen einzelnen Abschnitten, die den Druckvorgang nachträglich zu einem einzigen Körper formen.
Der Vorgang hat keinen natürlichen Abschluss. Sein Ende wird erst durch die äußere Begrenzung der Ausstellung bestimmt. Auch der Rhythmus des Drucks entzieht sich einer klaren Erwartbarkeit: Das zugrunde liegende Programm trifft eigene Entscheidungen.
Im Laufe der Zeit hinterlässt die Arbeit zusätzliche Spuren. Das Betreten des Papiers erzeugt Abdrücke, notwendige Eingriffe schreiben sich in das Material ein, und jede Wartung verändert den Zustand des Systems.
Nach dem Ende des Druckprozesses verbleibt das Material im Raum. Die über Wochen zusammengenähte Papierbahn wird am letzten Ausstellungstag zu einem Objekt verdichtet. Aus einem Prozess, der auf Fortsetzung angelegt war, entsteht rückwirkend eine Form: nicht als Ziel seiner Entwicklung, sondern als ihre vorläufige Unterbrechung.
Das Labyrinth als Methode
Kunst ist keine reine Darstellung der Welt. Sie ist eine Form der Konstruktion von Erfahrung. Sie erzeugt keine Bilder, um etwas zu zeigen, sondern Strukturen, in denen sich etwas ereignen kann. Das Werk ist somit weniger Objekt als ein Gefüge von Relationen: zwischen Raum und Zeit, zwischen Wahrnehmung und Erinnerung, zwischen der künstlerischen Arbeit und der Person, die sich in sie hineinbegibt. Und dieses Hineingehen ist nicht zufällig.
Kunst organisiert Bewegung: unauffällig, aber präzise. Sie setzt Rhythmen, Verzögerungen und Abweichungen, verschiebt Aufmerksamkeit. Eine mögliche Denkfigur dafür ist das Labyrinth. Das Labyrinth ist kein Ort der Verirrung, sondern eine Struktur, in der das Sich-Verlieren zur Methode wird. Ein Werk, das als Labyrinth operiert, fixiert keine Bedeutung und stellt sie nicht als fertige Form bereit. Vielmehr eröffnet es einen Eintrittspunkt und lässt alles Weitere in der Bewegung entstehen, die sich mit der Person entfaltet, die es betritt. Damit wird das Werk zum Generator eines Zustands, in dem sich Verständnis nicht mitteilt, sondern bildet: in der Dauer, in der Wiederkehr und in den Umwegen. Diese Erfahrung ist fragmentarisch, widersprüchlich, und durchzogen von Wiederholung: Elemente kehren zurück, verschieben sich, nehmen andere Bedeutungen an, treten in neue Netzwerke.
Kunst arbeitet hier nicht mit fertigen Inhalten, vielmehr mit Material: Bilder, Texte, Klänge, Körper, Räume. Dieses Material dient nicht der Abbildung. Es dient der Erzeugung von Beziehungen, innerhalb derer Erfahrung möglich wird. Oft beginnt Kunst erst dort, wo Material seine ursprüngliche Funktion verliert: Wenn ein Bild nicht mehr dokumentiert, ein Text nicht mehr erklärt, ein Objekt nicht mehr dient, öffnet sich ein Raum, in dem andere Bedeutungen möglich werden. Dieser Raum ist nicht neutral. Jede Setzung – Anordnung, Bruch, Wiederholung, Verschiebung – formt die Bewegung innerhalb des Raumes. Das Werk wird zu einer präzisen Konfiguration von Bedingungen, unter denen Erfahrung entstehen kann. Auch das Persönliche verliert in diesem Zusammenhang seinen Status als Innerlichkeit. Es wird nicht zur Beichte, sondern zu einem Rohstoff unter anderen, dessen Wert weniger in Aufrichtigkeit liegt als in seiner Fähigkeit, Strukturen freizulegen.
Doch jede Struktur erzeugt zugleich ihre Grenze. Was Möglichkeiten eröffnet, begrenzt sie zugleich. Wiederholung kann Erkenntnis hervorbringen oder in eine Form von Stillstand kippen. Ein System, das zu lange stabil bleibt, beginnt, sich selbst zu reproduzieren. An diesem Punkt stellt sich eine andere Notwendigkeit: nicht weiter zu konstruieren, sondern zu verlassen.
Das Labyrinth erfüllt seine Funktion nicht dadurch, dass man in ihm bleibt, sondern dadurch, dass man es durchquert. Der Ausgang ist kein Scheitern, vielmehr die Vollendung seiner Logik. Kunst bewegt sich daher in einem Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Auflösung, zwischen Form und ihrem Verschwinden. Sie erzeugt Systeme, um sie erfahrbar zu machen, und treibt sie an ihre Grenze, an den Punkt, an dem diese Grenze sichtbar wird.
Kunst produziert keine endgültigen Wahrheiten. Sie strebt keinen Abschluss an. Sie erzeugt Situationen, in denen Wahrnehmung, Erinnerung und Bedeutung in Bewegung geraten, sich verschieben und ineinander übergehen. Was daraus entsteht, ist kein stabiles Wissen, sondern eine Form von Erfahrung, die sich nicht vollständig in Sprache übersetzen lässt – und gerade darin teilbar wird.