Ich wache in meinem Bett auf, auf meinem Laken, unter meiner Decke und auf meinem Kissen. Ich muss meine Augen nicht öffnen, um die Last der Umarmung des schlafenden Löwen auf meinem Rücken zu spüren. Ich höre sein gurgelndes Schnarchen, spüre die Weichheit seiner welligen, rötlichen Mähne auf meiner Haut und wie sich sein Körper majestätisch hebt und senkt, während er gleichmäßig ein- und ausatmet. Es ist Zeit aufzustehen.

 

Wenn ich meine Körperhaltung verändere, muss ich vorsichtig sein, um die Ruhe meines Begleiters nicht zu stören.

 

Ich wandere durch Zeit und Raum meines Alltags und kann ganz ich selbst sein: Schritt für Schritt die täglichen Aufgaben bewältigen, durch den Park streifen und über die miteinander streitenden Gänse lachen, schöpfen, lieben, leben und einfach da sein. Obwohl der Körper des Löwen meine Bewegungen beschwert und schon die kleinste Erschütterung den Raubtier wecken kann, führe ich ein wunderbares Leben.

 

An meine alltägliche Vorsicht habe ich mich gewöhnt. Denn mein flauschiger Freund ist schon so lange in meinem Leben, dass er ein Teil davon ist.

 

Unsere Symbiose gibt mir die Möglichkeit, all meine Träume zu verwirklichen, selbst die kühnsten. Ich kann die Furchtloseste der Welt sein, meine bahnbrechende Pläne umsetzen, den ganzen Raum einnehmen und das Leben genießen, mit großer Bewunderung für den Weg, den ich und der Löwe gemeinsam schon gegangen sind. Unsere Körper sind untrennbar miteinander verbunden – zusammen sind wir unbesiegbar!

 

Wir gehen durch das Leben wie ein Eisbrecher, wir sind unaufhaltsam! Wir sind ein tankloser, störungsfreier, autonomer Panzer! Wir gehen unseren eigenen Weg und formen die Realität nach unseren Vorstellungen; wir erschaffen eine neue Realität, eine neue Welt, und schon bald wird die alte Welt zusammenbrechen und unsere Größe und unseren Triumph anerkennen! Löwe zeigt mir mit seiner Pfote den Weg. Sein feines Gehör warnt vor allem, was uns im Weg stehen könnte. Sein Schnurren bringt mich immer wieder auf den richtigen Weg zurück, wenn ich zweifle. Denn Löwe und ich spüren dieses innere Feuer, das in uns lodert.

 

-„Wir werden die Welt endlich für alle besser machen.“

-„Unser Weg ist der einzig richtige für die Leidenden um uns herum.“

-„Und wenn dieses Feuer in uns so lebendig ist, wäre es Verschwendung, es nicht in die Tat umzusetzen! Nein. Das wäre Verrat an unserem Wesen!“

 

Und die Welt ist so zerbrechlich, leuchtend, intensiv, unglaublich schön in ihrer Hässlichkeit, komisch, ironisch, melodisch, aromantisch, fein, facettenreich, strahlend, und es bleibt so wenig Zeit bis zum Ende, um tief durchzuatmen, sich mit dieser unerträglichen Leichtigkeit des Seins bis zum Schmerz in den Lungen zu füllen. Und die Endlichkeit des menschlichen Daseins, und sein Leiden, und seine Leidenschaften, und die Liebe, und der Hass, und die Erschütterungen, und das Glück – all das stammt von der Flamme des Höchsten, von der Flamme, die Löwe und ich in allen unseren Gliedern spüren. Und es ist so ein Verlangen, ein so leidenschaftliches Verlangen, einen Körper zu entwickeln, der fähig ist, den ganzen Planeten zu umarmen. Das zu teilen, was uns gegeben ist – die Flamme des Höchsten in uns. Denn all das ist nicht einfach so. Denn das ist nicht jedem gegeben. Denn das ist ein Segen.

 

——

 

Der Löwe erwacht. Der Löwe erwacht. Der Löwe erwacht, wenn er Gefahr wittert. Der Löwe erwacht, wenn er eine Bedrohung spürt. Der Löwe erwacht, und dann verliere ich die Kontrolle. Ich verliere meinen Körper, ich verliere meine Gedanken, ich verliere meine Sprache, ich verliere meine Gefühle, ich verliere mich selbst. Der Löwe spürt eine Bedrohung. Der Löwe ist aufgewacht. Der Löwe hat immer recht. Der Löwe lässt nicht zu, dass mir Unrecht getan wird. Der Löwe wird mich beschützen, allen eins auf die Fresse hauen, alle meine Feinde leiden lassen. So wie ich. So wie ich gelitten habe, wird er sie leiden lassen. So wie ich Schmerz empfinde, wird er sie leiden lassen. Mit derselben Intensität. So wie ich Schmerz empfinde, wird er sie leiden lassen. Er wird meinen Feinden das Fell über die Ohren ziehen. Er wird von meinen Feinden keinen einzigen Knochen übrig lassen. Er wird alles bis auf die Grundmauern niederbrennen. Alle meine Feinde. Und die Kinder meiner Feinde. Und die Enkel meiner Feinde. Und die Urenkel. Und ihre gesamte Ahnenreihe wird er vom Erdboden tilgen. Und wenn der Löwe eine Bedrohung wittert, gibt es kein Zurück mehr. Die Flamme der Ewigkeit verlangt Schutz. Die Flamme der Ewigkeit verlangt Opfer. Und selbst wenn die Zivilisation von der Erde getilgt werden muss – der Löwe wird sie vernichten. Der Löwe stellt keine Fragen. Der Löwe macht keine Unterschiede. Dem Löwen ist es eigentlich völlig egal. Dem Löwen ist es egal, wer vor ihm steht. Der Löwe ist der Löwe! Und das soll jeder wissen! Und wenn sie es nicht wissen, sollen sie sich fernhalten! Im Voraus, weit weg. Damit sie keine Bedrohung darstellen. Keine Bedrohung für die Flamme. Und sich nicht auf den Frieden des Löwen zu schwören. Und nicht zu versuchen, dem Löwen seine Schätze wegzunehmen. Alles gehört dem Löwen von Rechts wegen. Und wer das nicht versteht – der verdient es, in Stücke gerissen zu werden. Und zwar schon für ein Wort, schon für einen Blick, schon für einen drohenden Finger. Und kein einziges Lebewesen auf diesem Planeten wagt es, dem Löwen zu widersprechen! Der Löwe weiß es genau. Der Löwe weiß es genau. Der Löwe weiß genau, wer sein Freund ist. Der Löwe weiß genau, wer sein Feind ist. Und was dazwischen liegt – das ist vom Bösen. Und wenn der Löwe einen Feind im Freund wittert, dann hat der Löwe immer recht. Denn der Löwe ist der Löwe. Und basta!

 

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Und während sitze ich im Gehege. Während sitze ich in der nach verdorbenem Fleisch und Löwenabfällen stinkenden Zelle. Solange der Löwe meinen Käfig nicht öffnet, in den er mich gesperrt hat. Solange der Löwe die Bedrohung nicht beseitigt hat. Beobachte ich. Ich erstarre vor Schreck. Ich sehe, wie der Löwe meinen Lieben das Fell abzieht. Ich höre, wie der Löwe die Knochen meiner Liebsten knacken lässt. Ich rieche das Blut. Ich sehe die Wunden. Ich höre die Flehen meiner Angehörigen um Gnade. Der Löwe ist unerbittlich. Dem Löwen ist alles egal. Denn der Löwe ist der Löwe!

 

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Ich hasse den Löwen.

 

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Ich werde den Löwen niemals loswerden. Der Löwe wird es nicht zulassen.

 

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Ich schweige über den Löwen. Solange er schläft.

 

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Der Löwe hat mir verboten zu sprechen.

 

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Ich leugne den Löwen, wenn ich die Wunden von seinen Reißzähnen sehe.

 

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Denn ich darf dem Löwen nicht widersprechen.

 

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Ich bin eine Bedrohung, wenn ich dem Löwen widerspreche.

 

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Der Löwe wacht auf, wenn er eine Bedrohung wittert.

 

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Ich wache in meinem Bett auf, auf meinem Laken, unter meiner Decke und auf meinem Kissen. Ich muss meine Augen nicht öffnen, um die Last der Umarmung des schlafenden Löwen auf meinem Rücken zu spüren. Ich höre sein gurgelndes Schnarchen, spüre die Weichheit seiner welligen, rötlichen Mähne auf meiner Haut und wie sich sein Körper majestätisch hebt und senkt, während er gleichmäßig ein- und ausatmet.

 

Es ist Zeit aufzustehen.